Ausgrabung Langenreichen MHK


Das Geheimnis der Grabenanlage
Was geschah in Langenreichen vor 6300 Jahren?

Erst der Blick von der Abraumhalde machte deutlich, dass es sich bei den dunklen Verfärbungen, die 2004 und 2005 beim Oberbodenabtrag freigelegt worden waren, nicht nur um einzelne Siedlungsgruben handelte, sondern dass hier die nordwestliche Ecke eines Grabenwerkes vor uns lag, dessen ganze Ausdehnung derzeit noch nicht bekannt ist. Beide Arme tauchen nach 23 m im Osten und nach 18 m im Süden unter die Abraumhalden und in den dahinter angrenzenden Wald. Dort liegen auch einige Grabhügel der Bronzezeit.

Die Anlage eines solchen Erdwerkes ziemlich nah am Rand des steilen Abfalls zur Schmutter ist ebenfalls beachtenswert.

Während die Form des Profils der Grabenanlage an seinem Nordarm (Befunde 143, 144, 164) flach und wannenförmig war und seine Tiefe insbesondere auch im Bereich von Befund 159 lediglich ca. 0,30 cm betrug, fällt die Sohle dann nach Süden zu (bei M8) ziemlich abrupt und steil bis auf eine Tiefe von 0,80 m ab. Der Graben erreicht dort bislang sein Maximum. Er bleibt aber auf einer Länge von etwa 10,0 m mit seiner Sohle etwa auf dieser Höhe. Eine südliche „Erdbrücke“ beendet diesen tiefen Grabenabschnitt wieder.

Das Profil des Grabens ist in diesem Abschnitt (Befund 142) unterschiedlich ausgebildet: die Wandungen sind regelhaft steil schräg und die Sohle ist flach. Sie variiert jedoch mit 0,40 bis 0,80 cm in der Breite. Auffallend war hier schon beim Abtiefen in den einzelnen Grabensegmenten das reichliche Vorkommen von mindestens faustgroßen Brocken von verziegeltem Lehm. Bisweilen wiesen die Stücke sogar noch Abdrücke von (Weiden-)Ruten auf. Einige Stücke des Hüttenlehms wurden geborgen, obwohl sie von sehr weicher Konsistenz waren. Die offenbar ständige Feuchtigkeit des Lehmbodens war hier von Nachteil. Auch ein Keramikgefäß, das sichtbar zerscherbt, aber noch teilweise im Verband in der Verfüllung des Grabens stand, hatte unter der permanenten Feuchtigkeit stark gelitten und musste im Block geborgen werden. Dieses Gefäß lag nicht auf der Grabensohle, sondern etwa in der Mitte der Verfüllung. Von Vorteil war die Nässe indes für den Erhalt von Hölzern, die unter und zwischen den Brandlehmbrocken auf der Grabensohle lagen und beim Ausgraben für verkohlte Zweige und dünne Äste gehalten wurden. Die Untersuchung durch F. Herzig im Dendrolabor des BLfD Thierhaupten ergab jedoch, dass es sich bei diesen Hölzern um „stark abgebautes, feuchtes, weiches, vorwiegend strukturloses Holz handelt.“ Die untersuchten sechs Proben waren aus Eichenholz (Quercus sp.). „Wo noch bestimmbar, zeigte es sich, dass es sich um Fragmente von Stammhölzern oder Brettern handelte. Zweigholz befand sich nicht darunter.“ Die aufgefundenen Hölzer waren also nicht Teil einer lehmverputzten Flechtwandkonstruktion, wie ursprünglich vermutet!

Dank der großzügigen finanziellen Unterstützung durch die Fa. Creaton war der Arbeitskreis für Vor- und Frühgeschichte in der Lage, die Kosten für eine 14 C – Messung zu tragen. Die Datierung ergab ein Fälljahr von etwa 4488 v. Chr.

Im September 2005 deutete sich ein weiterer besonderer Befund an: beim Ausnehmen von Grabensegment 142 A waren nicht nur weitere Hölzer und Brandlehmbrocken freigelegt worden, sondern aus dem Profil ragten auch zwei dünne Röhrenknochen, die zunächst nicht zweifelsfrei Mensch oder Tier zugeordnet werden konnten. Die Knochen wurden deshalb im Befund belassen und durch Abdecken geschützt, bis auch im Grabensegment 142 C das Planum 4 erreicht und geputzt war. Es zeigte sich, dass die zarten Röhrenknochen ein menschliches Waden- und Schienbein waren und zu einem kindlichen Skelett gehörten, das in seitlicher Hockerlage mit dem Kopf im Süden und dem Blick nach Osten im Graben lag. Das Kind mutete noch jetzt wie schlafend an und es scheint offensichtlich und zweifelsfrei, dass das Kind dort bestattet und nicht etwa verunglückt, in den Graben geworfen oder sonstwie „entsorgt“ worden war. Leider konnten keinerlei Beigaben beobachtet werden. Die Knochen waren in sehr schlechtem Zustand. Anhand der vorhanden Zähne konnte der Anthropologe Dr. P. Schröter jedoch ein Sterbealter von 7 – 8 Jahren (Infans II) angeben. Das Geschlecht oder die Todesursache war nicht mehr bestimmbar.

Auch einige Knochen dieses Kinderskelettes wurden zur 14 C – Datierung nach Erlangen geschickt. Das radiometrische Alter wurde gemessen zu 5484 ± 54 Radiokarbonjahren.5 Mit 95,4 % Wahrscheinlichkeit (2 Sigma) ergibt sich ein Zeitraum von 4450 – 4241 v. Chr., wiederum gemittelt ergibt sich rein rechnerisch eine Datierung von 4346 v. Chr. Somit liegt zwischen der Datierung des Fälldatums des Holzes und dem Tod des Kindes eine Zeitspanne von 142 Jahren.

Beide Daten fügen sich sehr gut in die Datierung der Keramik ein.

Alle Fundstücke stammen aus der inneren dunklen Verfüllung des Grabens und lassen sich eindeutig der (klassischen)  Münchshöfener Kultur (MHK) zuordnen. Die MHK hat vor allem in Südostbayern von 4500 – 4000 v. Chr. stattgefunden. Aus dieser Zeit kennt man kaum reguläre Bestattungen. Es wurden bislang nur etwa 30 Skelette von Menschen dieser Kulturstufe gefunden, hauptsächlich Skelette von Mädchen und Frauen und meist aus Siedlungsgruben. Eine Niederlegung in einer Grabenanlage ist bislang einzigartig.

2) Analysebericht vom 20.01.2006, Bayerisches Landesamt für Denkmalpflege, Referat ZIII – Denkmalforschung/Archäologie, Dendrolabor, Franz Herzig, Am Klosterberg 8 86672 Thierhaupten;

3) Ergebnisbericht der 14 C – Datierung vom 19.12.2005, Andreas Scharf, Physikalisches Institut der Universität Erlangen-Nürnberg, Abt. IV, Erwin-Rommel-Str. 1, 91058 Erlangen;

4) Bericht vom 6.12.2005, Peter Schröter, Anthropologische Staatssammlung, Karolinenplatz 2a, 80333 München;

5) Ergebnisbericht der 14 C – Datierung vom 16.05.2006, Andreas Scharf, Physikalisches Institut der Universität Erlangen-Nürnberg, Abt. IV, Erwin-Rommel-Str. 1, 91058 Erlangen;

6) Siehe Anm. 1


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